Haskala Porträts
Porträt Marcus Herz
Bildbeschreibung
Weitsch malt das Porträt des Marcus Herz als Kniestück in lebensgroßem Format. Er situiert den Arztphilosophen an einem Schreibtisch sitzend vor abstrakt-schwarzem Hintergrund. Während das klassische Gelehrtenporträt den Tisch üblicherweise in der Diagonalen zeigt, gibt ihn Weitsch unkonventionell bildparallel und im Raum zurückversetzt wieder. Der Oberkörper des Dargestellten ist dem Betrachter zugewandt, während sein Kopf in einer spontanen Drehung nach rechts weist. Mit der linken Hand blättert er in einem Manuskript, das vor ihm auf dem Schreibtisch liegt, während seine Rechte elegant eine Feder hält. Die ungezwungene Haltung und die dynamisch fallende Kleidung des Porträtierten vermitteln eine Lebhaftigkeit der abgebildeten Szenerie. Weitsch mimt mit dieser Anordnung eine Interaktionssituation und weist den Betrachter mit der gewählten Frontalperspektive auf die Zuhörerbank im Auditorium.

Eingehende Betrachtung verdient das dargestellte Beiwerk. Am rechten unteren Bildrand ist ein Forschungsinstrument, anscheinend mit einem gläsernen Kolben, zu erkennen, das Marcus Herz höchstwahrscheinlich für seine Vorlesungen zur Experimentalphysik verwendet hat. Außerdem finden sich in der Komposition zwei seiner bedeutenden Schriften. Beide sind klar zu identifizieren. Das eine Buch liegt mit dem Buchrücken zum Betrachter, wodurch der Titel zur Geltung kommt: In Versuch über den Schwindel (Berlin 1786) untersucht Herz die Verbindung von Körper und Seele und bietet dem Leser eine psychosomatische Erklärung des Schwindels. Das andere Werk liegt offen, der Betrachter kann also aus der Überschrift schließen, um welches Buch es sich hier handelt. Dargestellt ist ein Stich aus Herz’ umstrittenem Büchlein Über die frühe Beerdigung der Juden (Berlin 1787), in dem Herz eine unorthodoxe Position einnimmt und dem rabbinischen Brauch der frühen Beerdigung (teilweise schon am Todestag) zuwider eine dreitägige Wartezeit zwischen Tod und Begräbnis von Verstorbenen einfordert. Anschaulich dokumentiert Herz in seiner Darlegung die Angst jener Zeit vor Scheintoten sowie den Vorwurf der Verantwortungslosigkeit, dem sich jene aussetzen müssen, die einen Scheintoten durch vorschnelles Bestatten ermordeten. Der Beerdigungsstreit, der nun zum zweiten Mal innerjüdisch verhandelt wurde, erhielt mit eben dieser Abhandlung erneut Zündstoff und spaltete die jüdische Gemeinde in Erneuerer und Traditionalisten.
Das Porträt, „erstmals nicht nach einem Muster, sondern an der darzustellenden Persönlichkeit entwickelt und mit reicherem Beiwerk [...] ausgestattet“ (Lacher, 92), vermittelt eine besondere Individualität. Weitsch gelingt die Wiedergabe einer zyklischen Begebenheit aus dem Leben des Porträtierten, nämlich dessen privaten Vorlesungen. Er eröffnet dem Betrachter dadurch eine biographische Dimension, wobei er gleichzeitig die Konventionen eines Porträts mit Repräsentationscharakter wahrt: „Für das anspruchsvolle und auf Dauer berechnete Genre wurde dieses Motiv [die zyklische Begebenheit der Vorlesungen] als zu wenig tragfähig erachtet und deshalb in der bildlichen Verarbeitung durch Manuskripte auf dem Tisch, Feder und Tintenfass mit der konventionellen Gelehrtenikonographie vermengt und in seiner Ereignishaftigkeit relativiert“ (Lacher, 94). Weitsch erzielt eine Idealisierung des Gelehrten mit Betonung seines ganzheitlich aufklärerischen Anspruchs durch das Nebeneinander von physikalischem, medizinischem und philosophisch-politischem Beiwerk. Allegorisch unterstreicht er das allumfassende Wissen des Porträtierten mit antiken Masken, die die Stuhllehnen verzieren und seinen Kopf flankieren: rechts Athene, die Göttin der Weisheit - links Hippokrates, der antike Begründer der

Ebenso wie die atypische Ausstattung des Gemäldes, ist auch dessen Farbgebung vergleichsweise ungewöhnlich. Der Künstler experimentiert mit einer an Rembrandt erinnernden Malweise nach dem Vorbild des französischen und später preußischen Hofmalers Antoine Pesne, dessen zahlreiche Werke zu dieser Zeit in Berlin den Hof schmückten. Gleichzeitig weicht seine bis dahin verwendete akkurate Pinselführung einem „temperamentvollen, stellenweise pastosen Vortrag, der das Gesicht in kraftvollen Zügen mit breitem Pinsel nass in nass“ (Lacher, 75) modelliert. Kunstvoll setzt er Lichtakzente, spielt mit der für die Aufklärung charakteristischen Lichtmetapher: Das während eines geistesprühenden und temperamentvollen Vortrags zur Seite gewandte Antlitz leuchtet in karstig auf die Stirn fallendem Licht jäh auf. Dieses Moment unterstreicht das zeitgenössische Genieverständnis eines kreativen, inspirierten Geistes.
Abgesehen von den leicht zu entziffernden Schriften auf dem Pult, weist in dem Gemälde Weitschs nichts auf die jüdische Identität des Dargestellten hin. Die Kleidung ist „christlich“-bürgerlich, das Inventar „wissenschaftlich“. Präsentiert wird ein Forscher, der durch Naturforschung und Experimente („Experimentalphysik“) neues Wissen schafft - kein Gelehrter, der hergebrachtes Wissen lediglich neu zusammenfaßt, präsentiert und tradiert. Unter diesem Blickwinkel erhalten die dem Betrachter dargebotenen Schriftstücke politische Brisanz: Herz lässt sich mit einem innerjüdisch umstrittenen Werk abbilden und betont dadurch noch einmal die Priorität der Wissenschaft vor der religiösen Tradition.
Literatur: KANZ, Roland: Dichter und Denker im Porträt. Spurengänge zur deutschen Porträtkultur des 18. Jahrhunderts, München 1993; KLUXEN, Andrea M.: Das Ende des Standesporträts. Die Bedeutung der englischen Malerei für das deutsche Porträt 1760-1848, München 1989; KOTOWSKI, Elke-Vera / SCHOEPS, Julius H. (Hg.): Vom Hekdesch zum Hightech. 250 Jahre Jüdisches Krankenhaus im Spiegel der Geschichte der Juden in Berlin, Berlin 2007; LACHER, Reimar F.: Friedrich Georg Weitsch, Berlin 2005.

