Haskala Porträts

Henriette (Julie) Herz

(geb. de Lemos, Berlin 5.9.1764 – 22.10.1847 Berlin)

 

Henriette war die älteste Tochter von Benjamin de Lemos, einem aus Hamburg stammenden jüdisch-sephardischen Arzt mit portugiesischen Wurzeln, der 1744 erster Leiter des Jüdischen Krankenhauses in Berlin geworden war. Der Tradition entsprechend wurde sie im Alter von 12 Jahren mit dem sehr viel älteren, erfolgreichen Arzt Marcus Herz verlobt, den sie zwei Jahre später (1779) heiratete. Herz war ein Schüler Kants und Freund Mendelssohns und las — zu dieser Zeit gab es in Berlin noch keine Universität — private Medizin- und Philosophie-Vorlesungen bei sich zu Hause, zu denen eine Vielzahl von Personen des Berliner Geisteslebens kam. Auch Henriette war dort anwesend und mit der Zeit sammelte sich um sie herum ein Kreis von jüngeren Besuchern, deren Vorliebe besonders die zeitgenössische deutsche Literatur war. Aus diesem Kreis heraus begann sie, eigene Abende zu gestalten. Diese Treffen fanden wöchentlich statt und werden als einer der ersten „Berliner Salons“ angesehen. Die Mitglieder des im Salon von Henriette Herz begründeten Tugendbundes folgten ungeschriebenen Statuten, nämlich u.a. der Verpflichtung zu „gegenseitiger moralischer Bildung“, zu „Beglückung durch (platonische) Liebe“ und zu Briefpartnerschaft. Der Tugendbund pflegte auch die Goetheverehrung, der hier seine frühesten Verehrer und den Grundstock des Kultes um ihn fand. Im Verlauf zweier Jahrzehnte zählten zu Herz’ Gästen und Freunden neben etlichen Diplomaten und Beamten die Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt, die Brüder Schlegel, Friedrich Schleiermacher, Johann Gottfried Schadow sowie der junge Ludwig Börne.

 

Marcus Herz starb bereits 1803 und Henriettes Leben wurde danach schwieriger; sie musste die Salons stark einschränken und verdiente ihren Lebensunterhalt später als Sprachlehrerin. Nach dem Tod ihrer Mutter ließ sie sich 1817 in Zossen protestantisch taufen und reiste nach Italien. Ihren Freunden aus den unbeschwerteren Tagen des Salons blieb sie aber bis ins hohe Alter verbunden. So gelang es Alexander von Humboldt 1845 noch, von König Friedrich Wilhelm IV. eine jährliche Pension für sie zu erwirken.

Literatur: Henriette Herz in Erinnerungen, Briefen und Zeugnissen, hg. v. Rainer SCHMITZ, Leipzig 1984; Martin L. DAVIES: Identity or History? Marcus Herz and The End of the Enlightenment, Detroit 1995; Jüdische Lebenswelten, hg. v. Andreas NACHAMA und Gereon SIEVERNICH, Ausst. Berliner Festspiele GmbH, Berlin 1991, Nr. 20:2/36, S. 483; Petra WILHELMY-DOLLINGER: Die Berliner Salons, Berlin 2000.

 

 
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