Haskala Porträts
Porträt Henriette Herz
Bildbeschreibung und -interpretation
Das Porträt der Henriette Herz ist ein Kniestück und zeigt eine sitzende weibliche Halbfigur vor dunkel bewölktem Hintergrund, nach links gewandt, an ein Wolkengebilde geschmiegt, den Kopf im Dreiviertelprofil, einen Blumenkranz auf dem dunklen lockigen Haar, das nach rechts den Rücken hinunterweht, Perlenohrringe. Die linke Schulter ist dem Betrachter zuge-wandt und bis zur Brust von dem weiß-transparenten Kleid entblößt, der linke entblößte Arm im Bildvordergrund ruht auf dem in ein goldgelbes Gewand gehüllten Schoß halbdiagonal zur Bildunterkante und greift eine Blumengirlande in der rechten unteren Bildhälfte, die sich am linken Bildrand bis zur Bildmitte um das Wolkenpodest windet. Auf diesem ruht die rechte Hand, einen goldenen Kelch haltend, vor einer reich verzierten goldenen Kanne. Über der rechten Schulter und dem linken Oberschenkel weht das blau schimmernde Obergewand. Die Dargestellte blickt den Betrachter mit großen dunklen Augen direkt an und lächelt leicht entrückt, das Inkarnat des Gesichtes ist in den für Therbusch typischen, rosigen Tönen gehalten und leuchtet mehr als der Rest des sichtbaren Körpers. Der stürmische Wolkenhintergrund lässt auf einen gemäßigt kräftigen Wind schließen, wohingegen das offene Gesicht, Blumenkranz und Haltung der Hände Anmut und Ruhe ausstrahlen. Die freizügige Entblößung der linken Brust-Schulter-Partie sowie des linken Armes, das Inkarnat, der angedeutete Wind und die frischen Farben der Blumengirlanden bekräftigen die Jugend und Schönheit der Dargestellten. Der Trinkpokal, vermutlich mit Nektar gefüllt, deutet Sinnlichkeit an, welche ergänzt durch den unschuldigen Blick und die nackte Haut der Dargestellten bis hin zur Verführung gesteigert wird.

Die Dargestellte ist zum Zeitpunkt des Entstehens erst 14 Jahre alt und bereits in ihrer Brautzeit. Es handelt sich also vermutlich um das Brautbild der Familie de Lemos für Henriettes Verlobten Marcus Herz. Ihr Äußeres sowie die mythologischen Attribute – Nektarbecher, Blumenkranz – deuten darauf hin, dass sie als Hebe (griech.: Jugendblüte) dargestellt ist, die griechischen Göttin der ewigen Jugend. Hebe war die Tochter von Zeus und Hera und reichte den anderen Göttern im Olymp Nektar und Ambrosia, ehe sie von Ganymed als Mundschenk abgelöst und Gemahlin des Herakles wurde. Diese Darstellungsart geht auf Therbuschs französische Einflüsse zurück und schwelgt noch ganz im Rokoko-Geist des sich neigenden 18. Jahrhunderts, des „allem Weiblichen huldigenden Jahrhunderts“ (Wirth, 17). Denn eigentlich war das Hebe-Motiv um 1770 bereits aus der Mode gekommen.

- Abbildungsnachweis: Anna Dorothea Therbusch, Porträt Wilhelmine Encke, 1776, Potsdam, Neues Palais
Sinnlichkeit, Heiterkeit und Idealisierung bestimmen Henriettes Ausdruck. Bemerkenswert ist, dass nichts darauf hinweist, dass hier eine Jüdin dargestellt ist. Vielmehr steht das Motiv allem entgegen, was eine Tochter aus jüdisch-traditioneller Familie kenntlich macht: Henriette ist sehr leicht bekleidet und als heidnische Göttin Hebe eingebettet in einen fremden Götterhimmel. Für orthodoxe Betrachter muss die erotische Darstellung ebenso wie das heidni-sche Sujet sittlich und religiös anstößig gewesen sein. Dies zeigt unmißverständlich, dass weder Auftraggeber noch Empfänger des Porträts traditionelle Juden gewesen sein können. Doch das Programm des Porträts ist vielschichtiger und bei aller Verführungssuggestion noch sehr viel sittsamer, als das zwei Jahre zuvor entstandene Porträt Therbuschs der Wilhelmine Encke, auf welchem die Geliebte des preußischen Kronprinzen in überaus eindeutiger Erotik dargestellt ist. Es ist eher die Huldigung an Henriettes Schönheit und Jugend, die zu dieser Zeit bereits legendär gewesen sein muss. Denn für die Berliner Bevölkerung ihrer Tage muss die großgewachsene Sephardin wie eine exotische Sensation gewirkt haben, die den bei ihren Zeitgenossen verbreiteten Topos der schönen Jüdin erfüllt und vermutlich mit beeinflusst hat. In Hinblick auf die bevorstehende Hochzeit und das damit verbundene Ablösen lasziven Zurschaustellens durch häusliche Sittsamkeit lässt sich das Bild somit als „Geschenk an die Öffentlichkeit“, als „Abschied an ihr Publikum“ (Weissberg, 74) interpretieren. Die Wahl der Hebe als Motiv bietet dabei den Vorteil, dass diese Göttin selbst kein Inbegriff von Sünde ist, wie etwa Aphrodite, sondern ihre Verführungskraft indirekt von ihrer jugendlichen Unschuld ausgeht. Hebe ist vielmehr in ihrer Rolle als göttliche Dienerin zu betrachten. So bietet sie ihre Dienste an und reicht ihren Kelch dem Betrachter. Da es sich bei diesem in erster Linie um ihren Bräutigam handeln dürfte, ließe sich der Inhalt ihres Kelches von Nektar in Wein umdenken, den die jüdische Braut bei ihrer Hochzeit darreicht. Einzig auf den Adler als weiteres Attribut der Hebe wurde verzichtet, wohl um Parallelen zu christlicher oder preußischer Symbolik zu vermeiden. Eine Frage, die in Bezug auf die Hebe-Ikonographie auftritt, ist die nach der dargestellten Kanne: Eine solche Karaffe ist völlig untypisch und birgt vielleicht eine tiefere Symbolik.

Literatur: Nationalgalerie Berlin. Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz. Verzeichnis der Gemälde und Skulpturen des 19. Jahrhunderts, Berlin 1976, S. 402; Preußen. Versuch einer Bilanz, Katalog in fünf Bänden, Band 1, Ausstellungsführer, Reinbek bei Hamburg 1981, S. 340 (19/1); Brigitte RIESE: Seemanns Lexikon der Ikonographie. Religiöse und profane Bildmotive, Leipzig 2007; Liliane WEISSBERG: Weibliche Körpersprachen. Bild und Wort bei Henriette Herz, in: Barbara HAHN, Jutta DICK (Hrsg.): Von einer Welt in die andere. Jüdinnen im 19. und 20. Jahrhundert, Wien 1993, S. 71-92; Irmgard WIRTH: Berliner Malerei im 19. Jahrhudert. Von der Zeit Friedrichs des Großen bis zum Ersten Weltkrieg, Berlin 1990, S. 17f.

