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Haskala Akteure

Saul Ascher - Biographie

 

von William Hiscott

 

Saul Ascher gilt als einer der umstrittensten Vertreter der zweiten Generation der jüdischen Aufklärung in Berlin. Während der Sattelzeit (Koselleck) zwischen der Französischen Revolution und den Karlsbader Beschlüssen schrieb Ascher zahlreiche philosophische, politische und belletristische Werke sowie Beiträge für namhafte Zeitschriften.

Geboren wurde Ascher am 25. Februar 1767 als erster Sohn des Bankmaklers Anschel Jaffe und der aus Frankfurt an der Oder stammenden Deiche Aron. Väterlicherseits war Aschers Familie seit Jahrzehnten in Berlin ansässig und im Besitz des Wohnrechts, mütterlicherseits war die Aron-Familie eine angesehene Familie der Frankfurter jüdischen Gemeinde. 1789 heiratete Ascher die 1815 verstorbene Rahel, Tochter des Vorstehers der Ravensberger Landjudenschaft und erfolgreichen Fourage-Lieferanten Nathan Spanier aus Bielefeld. Zu Beginn des Wintersemesters 1810 erhielt Ascher die philosophische Doktorwürde an der Universität Halle/Saale (seinerzeit Westfalen). Bis zirka 1812 war er von Beruf Buchhändler; später wurde er in den Berliner Adreß-Büchern als Schriftsteller verzeichnet. Am 6. Dezember 1822 starb Ascher nach einer längeren Krankheit in Berlin.

Ascher nannte sich selbst einen Autodidakten, doch die Lektüre seiner Schriften drängt die Vermutung auf, daß er eine umfassende humanistische Erziehung erhielt. Er verbrachte seine Jugend und die Jahre als junger Erwachsener in den Kreisen der Berliner Spätaufklärung. Mit dem zeitweilig in Berlin lebenden Philosophen Salomon Maimon und dem Berliner Arzt Sabattia Joseph Wolff war Ascher bekannt, ebenso mit dem Freimaurer-Reformer Ignaz Aurelius Feßler, dem Verleger Friedrich Cotta und dem Schweizer Volksaufklärer und Zeitungsmacher Heinrich Zschokke. In seinen späteren Lebensjahren war Ascher für die nächste Generation der Berliner Maskilim – etwa die Mitglieder des Vereins für Cultur und Wissenschaft der Juden Heinrich Heine, Eduard Ganz und Leopold Zunz – eine bekannte Persönlichkeit, der jedoch wenig Wertschätzung entgegengebracht wurde.

Philosophisch war Ascher Anhänger der kantischen Aufklärungsphilosophie. Schon 1790 veröffentlichte er ein wenig beachtetes Werk über die kantische Ästhetik, Skolien, oder Fragmente der Philosophie und der Kritik. Ungeachtet dieses Werkes beschäftigt sich Aschers Jugendwerk mit haskalaspezifischen Themen: Neben einer politischen Emanzipationsschrift aus dem Jahr 1788, Bemerkungen über die bürgerliche Verbesserung der Juden veranlaßt bei der Frage: Soll der Jude Soldat werden?, veröffentlichte Ascher 1792 sein religionsphilosophisches Hauptwerk, Leviathan oder ueber Religion in Rücksicht des Judenthums. In diesem Werk unternahm er den Versuch, den jüdischen Glauben auf Vernunftprinzipien zu gründen und damit das Judentum gründlich zu modernisieren. Er widersprach der Gültigkeit der Ritualgesetze der halachischen Tradition und stellte die Macht der rabbinischen Orthodoxie in Frage. Auch die Verteidigung des geoffenbarten Gesetzes Mendelssohns lehnt Ascher, den kantischen Prinzipien folgend, ab. Stattdessen findet er in seiner religiösen Herkunft ein „Wesen des Judentums“, wodurch das Judentum vielmehr als Träger eines religiös-historischen Ethos (Grab) verstanden werden soll. Die Religion überhaupt dient demzufolge als „Lückenbüßerin der Vernunft“ bis die Menschen sich durch Aufklärung zur reinen Religion der Vernunft bekennen. Gleichzeitig ist Ascher davon überzeugt, daß alle Juden durch die von ihm anvisierte „Reformation“ des Judentums sowohl von der historisch entstandenen, und für ihn maßgeblich hemmenden, Traditionslast als auch von der Macht der Rabbiner befreit und ins Licht der bürgerlichen Welt gebracht werden können. Obwohl andere Denker der Haskala Aschers Werk wenig beachteten, wurde das eine, künftige Vernunftreligion befürwortende Werk in christlichen und deistischen Aufklärungsblättern freundlich rezensiert.

Schon bald danach verabschiedete sich Ascher geistig von der inneren jüdischen Aufklärung. Zugleich gibt es kaum Hinweise darauf, daß Ascher überhaupt zu Lebzeiten am jüdischen Gemeindeleben teilnahm; vielmehr ist anzunehmen, daß er sich, wie viele der Maskilim nach dem Tode Mendelssohns, kulturell eher den gemischtgesellschaftlichen Aufklärungskreisen der Jahrhundertwende zugehörig fühlte. Statt sich über den Weg der Taufe in das sich herausbildende Bürgertum zu integrieren, wie es seinerzeit in Berlin zunehmend praktiziert wurde, blieb Ascher bis zum Lebensende selbstbewußter Jude.

Dennoch zwang die antijudaistische Außenwelt Ascher, sich weiterhin ex negativo mit dem Judentum zu beschäftigen. In einen Sendschreiben an Johann Gottlieb Fichte, Eisenmenger der Zweite, aus dem Jahr 1794 kritisiert Ascher aus einer kantischen Perspektive die „Wissenschaft des Judenhasses“, die Fichte in seinem Beitrag zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die französische Revolution und in seiner Kritik aller Offenbarung propagierte. Wie vor ihm Johann Andreas Eisenmenger, Verfasser der Schrift Entdecktes Judenthum, versuche Fichte, „bloß aus zusammengerafften Beschuldigungen den Judenhaß allgemeingeltend zu machen“. Kant selbst wurde ebenfalls von Ascher für die unkritischen Bemerkungen zum Judentum in dessen Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft eine „Rüge“ erteilt.

Neben seiner kritischen Schriften über die zeitgenössische Judenfeindschaft beteiligte sich Ascher am revolutionären Diskurs seiner Zeit. 1799 schrieb er die Ideen zur natürlichen Geschichte der politischen Revolutionen. In dieser philosophiegeschichtlichen Abhandlung über die Revolution verteidigt Ascher die Französische Revolution als naturgeschichtliches und letztlich zu bejahendes Ereignis. Auch Napoleon unterstützte er durch eine glühende, im Jahr 1808 veröffentlichte Bekenntnisschrift, Napoleon oder über den Fortschritt der Regierung, in der er Napoleon als Verbreiter der Prinzipien der Aufklärung darstellt. Für einen Bürger Preußens waren beide Schriften gewagt. Eine Auseinandersetzung mit der preußischen Zensur verzögerte beispielsweise die Veröffentlichung der Revolutionsschrift Aschers um drei Jahre.

Im April 1810 wurde Ascher wegen kritischer Berichterstattung über einem Korruptionsskandal, in den der derzeitige preußische Finanzminister Alteinstein verwickelt war, kurzzeitig verhaftet. Gut zwei Wochen später wurde er freigelassen, und der angestrengte Prozeß gegen ihn wurde nach dem Regierungsantritt Hardenbergs im Oktober 1810 fallengelassen. Anfang 1811 widmete Ascher Hardenberg seine Übersetzung der Wirtschaftslehre eines französischen Vertreters des kontinentaleuropäischen Systems, Charles Ganilh. In seiner Einleitung zur Übersetzung der Untersuchungen über die Systeme der politischen Oekonomie beschreibt Ascher die Vorteile einer frühkapitalistischen politischen Ökonomie, welche auf der Entwicklung eines länderübergreifenden Wirtschaftskreislaufes basieren sollte. In diesem Sinn schreibt Ascher volkswirtschaftliche Berichte über Handels- und Kaufaktivitäten für seine eigene in Leipzig herausgegebene Monatsschrift Welt- und Zeitgeist und für Zschokkes Miszellen für die neueste Weltkunde.

Dem späteren Aufstieg des modernen Antijudaismus im Rahmen des Aufkommens der Romantik und des deutschen Nationaldenkens nach den sog. Befreiungskriegen kritisierte Ascher ebenso aggressiv wie die Judenfeindschaft Fichtes. In seiner Germanomanie, Skizze zu einem Zeitgemälde von 1815 verurteilt Ascher die judenfeindliche Einstellung prominenter Denker der Zeit wie Clemens Brentano, Friedrich Rühs und Ernst Moritz Arndt. Er spricht von „deutschen Verirrungen“, die gegen die Prinzipien des „Weltbürgertums“ verstoßen. Diese Schrift zog den Haß dieser „Fanatiker in dem Eifer der Germanomanie“ an. Eine Attrappe der Germanomanie wurde auf dem Burschenschaftstreffen auf der Wartburg 1817 feierlich verbrannt. Daraufhin veröffentlichte Ascher ein Antwortschreiben, Die Wartburgs-Feier im Hinblick auf Deutschlands religiöse und politische Stimmung, in dem er die Bücherverbrennung und den darin ausgedruckten „Wahn der Deutschtümler“ verurteilt.

1818 übersetzt Ascher die Fabel von den Bienen des Moralphilosophen und Vordenkers des Frühkapitalismus Bernhard de Mandeville ins Deutsche. Mit seiner Übersetzung der Fabel veröffentlicht Ascher einen Kommentar, der die politische Ökonomie als die einzig legitime Nachfolgephilosophie der Aufklärung und der kritischen Lehre Kants darstellt. Dagegen kritisiert Ascher den deutschen Idealismus: Er wirft dem deutschen Idealismus vor, die wirkliche Verfassung der Menschheit – also die politische Ökonomie – zu verklären. Für Ascher ist die Menschheit, wie Mandeville in seiner Bienenfabel darstellt, zwangsläufig lasterhaft und unvollkommen, doch durch eine intelligente und tolerante politische Ordnung besserungsfähig.

Nach den Karlsbader Beschlüssen 1819 war Aschers öffentlicher Schreibtätigkeit ein Ende gesetzt. Nach Aschers Tod wurde der „Vernunftdoktor“ Ascher von Heine in seiner Harzreise verspottet und später im Rahmen der Wissenschaft des Judentums beispielsweise von Heinrich Graetz und Max Wiener kritisch betrachtet. Dennoch wirkte Ascher bis in die Nachkriegszeit vielmehr als eine Haßfigur der deutschen Nationalisten. Ascher wurde beispielsweise während des Antisemitismusstreits 1881, der Renaissance der Romantik zur Jahrhundertwende des 20. Jahrhunderts und der NS-Zeit wiederholt tendenziös angegriffen und verhöhnt.

 

Literatur

  1. Littmann, Ellen. Saul Ascher: First Theorist of Progressive Judaism. In: Weltsch, Robert. (Ed.). Year Book. Leo Baeck Institute, vol. V. London, Jerusalem, New York: East and West Library (Published for the Institute), 1960. S. 107-121.
  2. Grab, Walter. Saul Ascher, ein jüdisch-deutscher Spätaufklärer zwischen Revolution und Restauration. In: Grab, Walter (Hg.). Jahrbuch des Instituts für Deutsche Geschichte, Bd. 6. Tel Aviv: Nateev, 1977. S. 131-180.
  3. Schulte, Christoph. Saul Ascher’s Leviathan or The Invention of Jewish Orthodoxy in 1792. In: Grenville, J.A.S. (Ed). Year Book. Leo Baeck Institute, Bd. 45. London, Jerusalem, New York: Berghahn Books, 2000. S. 25-34.
  4. Hiscott, William. Saul Ascher (Lemma). In: Lexikon jüdischer Philosophen und Theologen. Hrsg. von Andreas Kilcher und Friedrich Niewöhner. Stuttgart/Weimar: Verlag J.B. Metzler 2003, S. 208–210.
  5. Hiscott, William. Germanomanie (Lemma). In: Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur, Bd. 2. Hrsg. von Dan Diner im Auftrag der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Stuttgart/Weimer: Verlag J.B. Metzler 2012, S. 431–434.

 

 

 

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