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Haskala Akteure

Isaac Abraham Euchel - Biographie

 

von Andreas Kennecke

 

17. Oktober 1756 in Kopenhagen geboren

Vater Abraham Israel (1731–1767) und Mutter Krenche (?–1784)

1769, nach dem Tod des Vaters Besuch der Jeschiva in Berlin. Hier findet Euchel den ersten Kontakt zum sich etablierenden Kreis der jüdischen Aufklärer.

1773 nimmt er in Westfalen eine Stelle als Hauslehrer an. Euchel erweitert autodidaktisch sein Wissen in den weltlichen Wissenschaften.

Raphael Levi (1685-1779)

1775/76 gelangt Euchel auf Empfehlung nach Hannover, wo er wahrscheinlich ebenfalls als Hauslehrer im Hause des Meyer Michel David in Stellung geht.Hier studiert er die Naturwissenschaften unter Anleitung des jüdischen Mathematikers und Leibniz-Schülers Raphael Levy.

1778 wird er auf Empfehlung von Meyer Michel David als Hauslehrer nach Königsberg zur Familie Friedländer vermittelt. Hier unterrichtet er vor allem die Friedländerkinder Michael und Rebecca.

1782–1786 Studium der Philosophie und Morgenländischen Sprachen an der Königsberger Albertina. Die Professoren Kant und Köhler unterstützen ihn 1786 die Bewerbung Euchels als Nachfolger von Köhler als Dozent für morgenländische Sprachen. Die Bewerbung scheitert an den Statuten der Königsberger Albertina Universität, die Juden und Katholiken die Professur verweigert.

1782 veröffentlicht Euchel sein erstes Sendschreiben Sephat Emet. Darin ruft er seine jüdischen Mitbürger zur Gründung einer Freischule auf. Der Aufruf findet in der Königsberger Gemeinde keinen Widerhall.

Im Dezember 1782 findet die Gründung der Gesellschaft hebräischer Literaturfreunde unter maßgeblicher Mitwirkung von Euchel statt. Ziel der Gesellschaft ist es, die Juden mit der Welt der Aufklärung vertraut zu machen und den Reformern innerhalb der jüdischen Gemeinden ein Podium zu geben.

Im September 1783 erscheint dann das erstes Heft der Monatschrift Hame’assef (Der Sammler), das mächtige Sprachrohr der Maskilim und zugleich die erste vollwertige Zeitschrift in hebräischer Sprache überhaupt. Die Zeitschrift wird mit der Schrift Nachal Habesor angekündigt, welche gleichzeitig auch das erste Programm der Bewegung der Maskilim darstellt.

Im ersten Heft veröffentlichte Euchel den Artikel Ein Wort an den Leser, der als Einleitung in die Rubrik „Geschichte der Großen Israels“ der Zeitschrift konzipiert war. Der erste Teil enthält die erste Paraphrase von Kants Kritik der reinen Vernunft in Hebräisch.

1784 eröffnete Euchel erneut die Debatte um die „frühe Beerdigung“ der Juden mit einem Entgegnungsschreiben an Anton Friedrich Büsching im deutschsprachigen Beiheft des Hame’assef: Der Sammler. Darin suchte Euchel die Vorwürfe Büschings zu widerlegen, daß die Juden ihre Toten vor der „frühen Beerdigung“ sicherheitshalber „ersticken“, damit die Möglichkeit eines Scheintodes umgangen wird. An der Beerdigungsdebatte beteiligte sich Euchel viele Jahre lang, dieser Artikel ist allerdings der einzige, der in deutscher Sprache veröffentlicht wurde. Die späteren wurden sämtliche in Hebräisch veröffentlicht, sie dienten ausschließlich dem Innendiskurs.

1784 unternimmt Euchel eine Reise nach Kopenhagen, kurz nach dem Tod seiner Mutter. Er reist in Begleitung von Mitgliedern der Familie Friedländer. Darunter nmöglicherweise auch Rebecca, seiner Schülerin. Stationen der Reise waren u.a.: 6. Mai, Stammbucheintrag: Abschiedgedicht der Gesellschaft hebräischer Literaturfreunde in Königsberg; 9. Mai Stammbucheintrag von Freund Magister K. L. Poerschke, ab 1787 Dozent an der Albertina, seit 1794: extra. Prof. Philosophie, 1812 gestorben; 13. Mai 1784: Danzig; 1. Juni: Stammbucheintrag in Berlin von Hartwig Wessely und von Schrenkendorf, einem sächsischer Offizier?; 28. Juli: Stammbucheintrag in Hamburg von Abraham Meldola; 7. Sept. Stammbucheintrag vom Kieler Reformpädagogen Martin Ehlers (1732-1800, seit 1776 Professor in Kiel); Beerdigung der Mutter auf dem Friedhof von Møllegade.

Im Oktober 1784 verfasste Euchel einen Brief an den dänischen König, in welchem er sich für die Errichtung einer jüdischen Schule mit Lehrerseminars in Kiel einsetzt. Der Vorschlag wurde vom dänischen König nicht verfolgt.

Auf der Reise zurück nach Königsberg machte Euchel 1785 Station in Berlin und besuchte u.a. Mendelssohn. Dieser übergab ihm die Unterlagen zur ersten Beerdigungsdebatte von 1772 zur Veröffentlichung. Sie wurden später im Hame’assef abgedruckt.

In den Jahren 1785–86 forcierte Euchel die Auseinandersetzung zwischen Reformern und Traditionalisten, der Ausgangspunkt hierfür war die Beerdigungsdebatte. Mehrere Artikel Euchels greifen die Problematik der „frühen Beerdigung“ auf, um den Rabbinen das Recht abzusprechen, das „wahre“ Judentum zu vertreten und zu bewahren. 1787 überredete Euchel Marcus Herz eine Schrift Über die frühe Beerdigung im Hame’assef und später als Monographie zu veröffentlichen.

Neben David Friedländer veröffentlichte auch Euchel im Jahre 1786 eine Übersetzung des Gebetbuch. Im Gegensatz zu Friedländer bediente sich Euchel nicht nur der deutschen Sprache sondern auch der deutschen Schrift. Diese Übersetzung stößt auf erheblichen Widerstand bei den Traditionalisten, wie aus seiner Verteidigungsrede Ein Wort an die Medabrim im Hame’assef 1786 nachlesen läßt.

1787 siedelt Euchel gemeinsam mit dem Hame’assef nach Berlin über. Dort übernimmt er die Leitung der Druckerei der Jüdischen Freischule. Im selben Jahr wir die Gesellschaft der Beförderung des Guten und Edlen gegründet, die Nachfolgegesellschaft der Königsberger Gruppe. Allerdings stehen nun nicht mehr die Erneuerung der hebräischen Sprache im Zentrum sondern die Aufklärung der Juden, die Reform des Judentums.

Titelblatt von Euchels Biographie Moses Mendelssohns

Die 1788 zuerst im Hame’assef erschienene Moses Mendelssohn-Biographie wurde die bekannteste Schrift Euchels. Es war die erste Biographie zu Mendelssohn und die erste umfassende Biographie eines europäischen Juden überhaupt. Sie trug wesentlich zur Verbreitung des im 19. Jahrhunderts herrschenden Bild Moses Mendelssohns unter den Juden Europas bei.

Ein weiteres Novum stellen die 1790 im Hame’assef erschienen Briefe des Meschulam dar. Dies sind Reisebriefe nach der Vorlage der Persischen Briefe von Montesquieu, die einen aufgeklärten Juden aus Aleppo in Europa zeigen, der die Wurzeln Europas und der Juden zu würdigen weiß.

Die Gründung der Gesellschaft der Freunde 1791 in Berlin soll Euchel auch weiterhin mit der Sitte der „frühen Beerdigung“ beschäftigen lassen. Die Gesellschaft setzt sich u.a. für die Errichtung einer Leichenhalle in Berlin ein. Euchel sitzt mehrere Jahre im Vorstand der Gesellschaft und vermittelt mehrmals zwischen dessen Berliner und Königsberger Teil.

Seine letzte Schrift für den Hame’assef ist der 1797 deutsche, in hebräischen Lettern gesetzte Artikel Ist nach dem jüdischen Gesetz das Übernachten der Juden wirklich verboten? Darin faßt er resümierend die Erfolge und Mißerfolge der Jahre des Hame’assef zusammen. Am Ende muß Euchel das Scheitern der Erneuerung der hebräischen Sprache konstatieren. Betroffen und bedauernd sieht Euchel ein, daß die Entwicklung der jüdischen Gesellschaft einen völlig anderen, als den von ihm gezeichneten Weg genommen hat. Für Euchel gehörten die Erneuerung der hebräischen Sprache und die Reform des Judentums immer zusammen. Die Kraft für die Erneuerung konnte nur aus den Quellen der eigenen Geschichte erwachsen. In dieser Schrift gibt es sein Projekt als gescheitert an.

Nicht verwunderlich deshalb, daß er sich in seiner letzten Arbeit, dem 1797 entstandenen Theaterstück Reb Henoch oder wos tu me dermit den Differenzen zwischen Orthodoxie und Reformbewegung, zwischen Hebräisch, Jiddisch und Deutsch, aber auch zwischen Gebildeten, Ungebildeten und Halbgebildeten zuwendet. Euchel hält seinen Zeitgenossen einen Spiegel vor. Nur der wahrhaft aufgeklärte, sich zu seinem Judesein Bekennende vermag ohne Scham hineinzuschauen.

18. Juni 1804 starb Euchel in Berlin, eine Frau und einen Sohn hinterlassend. Der Sohn Abraham, später den Vornamen August annehmend, zieht später nach Stettin um. Dort verlieren sich die Spuren der Familie und des Nachlasses Euchels.

 

Literatur

  1. Euchel, Isaak: Reb Henoch, oder: woß tut me damit. Eine jüdische Komödie der Aufklärungszeit, Textedition von Marion Aptroot und Roland Gruschka mit einleitenden Beiträgen von Marion Aptroot u.a., Hamburg 2004. [dt. u. jidd.]
  2. Euchel, Isaak: Vom Nutzen der Aufklärung. Schriften zur Haskala, hrsg., übersetzt und kommentiert von Andreas Kennecke, Düsseldorf 2001.
  3. Feiner, Shmuel: יצחק אייכל- ה'יזם' של תנועת ההשכלה בגרמניה [Isaac Euchel – Der ‘Entrepreneur’ der Haskala­bewegung in Deutschland], in: Zion, 52. Jg. (1987), S. 427–469. [hebr.]
  4. Kennecke, Andreas: Isaac Euchel. Architekt der Haskala, Göttingen 2007.
  5. Pelli, Moshe: Isaac Euchel. Tradition and Change, in: Moshe Pelli, The Age of Haskalah, Leiden 1979, S. 190–230.

 

 

 

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